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Satzung (Foto: Bohbeh/shutterstock.com)

Kooperation statt Konkurrenz

Hamburg, 13.07.2017. Nicht alles, was technisch machbar ist, ist auch sinnvoll. Wir müssen uns immer die Frage stellen: Nutzt eine Innovation oder eine Weiterentwicklung auch dem Menschen? In diesem Gastbeitrag im Handelsblatt stellt Dr. Jens Baas, TK-Vorstandsvorsitzender, fünf Leitlinien für die soziale Verträglichkeit künstlicher Intelligenz vor.
Die Debatte über die künstliche Intelligenz ist geprägt von Superlativen. In wenigen Jahren sollen beispielsweise 50 Prozent unserer Jobs verloren gehen. Wir tun gut daran, uns von solchen Prognosen nicht verrückt machen zu lassen. Große Vordenker wie Herbert Simon, der bereits 1965 sinngemäß sagte, dass in 20 Jahren jede menschliche Arbeit von Maschinen erledigt werden würde, lagen fulminant daneben.
Dennoch steht für mich außer Zweifel, dass in der technischen Entwicklung in den letzten zehn Jahren ein neues Zeitalter angebrochen ist. Heute reden wir nicht mehr über Computer, die Schachweltmeister schlagen (das gelang bereits 1997 gegen Garri Kasparow), sondern über Technologien wie selbstfahrende Autos und natürliche Sprachverarbeitung, die Branchen und Industrien durchrütteln.

"Wenn wir nicht von der Entwicklung überrollt werden wollen, ist jetzt der richtige Zeitpunkt, mit unserer natürlichen Intelligenz wichtige Weichenstellungen vorzunehmen."
Dr. Jens Baas, Vorsitzender des Vorstands der TK

Mit dem technischen Fortschritt, werden auch die sozialen Auswirkungen größer und messbarer. Vor wenigen Wochen haben die beiden renommierten Wissenschaftler Daron Acemoglu vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) und Pascual Restrepo von der Boston University eine aufsehenerregende Studie veröffentlicht: Nach ihren Berechnungen ist der Verlust von bis zu 670 000 Arbeitsplätzen in der US-Industrie in den Jahren von 1990 bis 2007 direkt oder indirekt auf den Einsatz von Robotern zurückzuführen.

Aufhorchen lässt auch, dass praktisch sämtliche Tech-Größen des Silicon Valleys sich den sozialen Folgen ihrer Erfindungen widmen. Gerade ist Apple einem Kreis von Tech-Giganten wie Google, Facebook und Amazon beigetreten, die die "Partnership on AI to benefit people and society" ausgerufen haben. Auch E-Bay-Gründer Pierre Omidyar und LinkedIn-Mitgründer Reid Hoffman unterstützen mit 27 Millionen Dollar eine Stiftung für ethische Fragen künstlicher Intelligenz.

Soziale Multimilliardäre
Wenn sich Multimilliardäre aus dem Silicon Valley um die sozialen Folgen ihrer technischen Entwicklungen sorgen, dann sind wir gut beraten, die Herausforderung ernst zu nehmen. Ich bin überzeugt, dass wir nicht zwischen wirtschaftlichem Erfolg auf der einen Seite und sozialer Verträglichkeit auf der anderen wählen sollten, sondern dass wir beide Ziele miteinander vereinbaren müssen.

Die Herausforderung ist, nicht allein das technisch Machbare zu verfolgen. In jedem Fall sollte zunächst auch die Frage gestellt werden, inwieweit eine Innovation oder Weiterentwicklung tatsächlich dem Menschen nutzt.

Fünf Leitlinien helfen dabei: Erstens, nicht Konkurrenz, sondern Kooperation: Die Debatte um künstliche Intelligenz wird gern zu einem Zweikampf zwischen Mensch und Maschine stilisiert. Das Motto: Wer ist schneller, intelligenter, besser? Der wirkliche Durchbruch - und zwar wirtschaftlich und sozial betrachtet - kommt aber mit Robotern, die mit Menschen kooperieren. Dies gilt nicht nur für Chirurgen, die mit Hilfe von Robotern operieren, sondern eben auch etwa für Arbeiter, die mit einer Augmented-Reality-Brille komplizierte Tätigkeiten ausführen oder neue Fähigkeiten erlernen können.

Zweitens, mit der Plattform zur Plattform: Die Stärke der hiesigen Industrie liegt oft in der Spezialisierung auf qualitativ hochwertige Produkte und den dafür notwendigen Netzwerken von kleinen und mittelständischen Betrieben, die viele gute Arbeitsplätze bieten. Hier ist zwar auf der einen Seite das klassische Automatisierungspotenzial eher gering. Auf der anderen Seite aber bedrohen technische Quantensprünge, wie zum Beispiel autonomes Fahren, gleich die gesamte Branche.

Diese Herausforderung lässt sich nur bedingt mit Silicon-Valley-Partnerschaften lösen, sondern bedarf brancheneigener Plattformen, die über bestehende Initiativen von Industrie 4.0 hinausgehen, um Know-how gemeinsam zu entwickeln, finanzielle Ressourcen zu bündeln und allgemeingültige Normen und Standards durchzusetzen.

Mehr künstliche Intelligenz
Als Schutz vor "technologischer Arbeitslosigkeit" gelten Qualifizierung und Weiterbildung. Es wird künftig immer mehr Prozesse geben, die durch künstliche Intelligenz erledigt werden. Dies führt dazu, dass die Jobs von Menschen eine höhere Qualifikation verlangen als heute. Deshalb gilt es, Mitarbeiter weiterzubilden, um sie an Schnittstellen zur Technik einsetzen zu können.

In den letzten Jahren wurde "Bildung" jedoch immer mehr zum Synonym für Abitur und Studium. Die Zahl der Auszubildenden ist von knapp 1,6 Millionen 2007 auf 1,3 Millionen 2015 gesunken. Dabei ist die duale Ausbildung das Fundament unserer Wettbewerbsfähigkeit, vor allem auch, weil technische Innovationen schnell in die Ausbildung aufgenommen werden können. Wir müssen deshalb, drittens, die duale Ausbildung wieder aufwerten. Das heißt aber nicht nur mehr gesellschaftliche Anerkennung, sondern bessere Aufstiegschancen auch ohne Studium und Weiterbildungsmöglichkeiten, nicht nur an Hochschulen, sondern auch im Rahmen des dualen Systems.

Viertens, Deutschland hat große Transformationsprozesse in der Vergangenheit besonders dann erfolgreich bewältigt, wenn die Sozialpartner, also Arbeitnehmer und Arbeitgeber, gemeinsam Lösungen gefunden haben. Diese Partnerschaft trägt nicht nur zur gesellschaftlichen Veränderungsbereitschaft bei, sondern ermöglicht, dass auf Betriebs- und Unternehmensebene sozialverträgliche und wirtschaftliche Lösungen gefunden werden.

Wegweisende Beispiele sind die aktuelle Elektrostrategie bei Daimler oder auch der Zukunftspakt von VW. Damit dieses Instrument weiter funktionieren kann, muss sichergestellt sein, dass die Sozialpartner in einem gesunden Gleichgewicht zueinander stehen.

Leitlinien eins bis vier sind für eine gelungene Transformation zwar notwendig, sie werden aber mittelfristig nicht ausreichen, um die sozialen Auswirkungen künstlicher Intelligenz vollständig abzufedern. Deshalb müssen wir, fünftens, auch steuer- und sozialpolitische Instrumente in Betracht ziehen. Aktuell gewinnt die Debatte um das bedingungslose Grundeinkommen immer neue Anhänger, zu denen mittlerweile Elon Musk ebenso zählt wie Yanis Varoufakis.

Das Problem: Der Vorschlag ist teuer (wie eine aktuelle Studie der OECD zeigt viel teurer als alle anderen Sozialleistungen zusammengerechnet), er führt zu neuen Umverteilungsproblemen, und der Leistungsanreiz wird geschwächt (erste Experimente in Finnland werden darüber Aufschluss geben).

Eine neue Roboter-Steuer
Für zumindest diskussionswürdig halte ich dagegen eine "Roboter-Steuer", wie sie Bill Gates und der Ökonom Robert Shiller vorschlagen. Damit würde zwar zunächst der technische Wandel etwas verlangsamt, das gäbe aber dem Einzelnen und der Gesellschaft mehr Zeit, sich auf die neuen Herausforderungen einzustellen. Eine derartige Steuer könnte zusätzliche Investitionen ermöglichen und Arbeitsplätze zum Beispiel in Schulen, Pflegeeinrichtungen oder auch im Bereich innere Sicherheit finanzierbar halten.

Gates etwa weist darauf hin, dass gerade die Bereiche Bildung und Soziales zwar einen großen Personalbedarf haben, Roboter diesen aber kaum decken könnten. Grund: Die Aufgaben dort erfordern ein hohes Maß an Empathie, eine Eigenschaft, die Roboter respektive künstliche Intelligenz heute (noch) nicht aufweisen. In den Heimen und Kliniken etwa werden Roboter schwere körperliche Tätigkeiten erleichtern, aber menschliche Pflege hoffentlich nie vollständig ersetzen.

Auch in der Medizin erwarte ich für die absehbare Zukunft nicht, dass der Arzt von einer künstlichen Intelligenz und der Chirurg von einem OP-Roboter komplett ersetzt wird. Der Einsatz dieser Technologien wird die ärztliche Leistungserbringung aber unterstützen und verändern. Für Beschäftigte aus Berufen, die von der Digitalisierung bedroht sind, können also andere Optionen in "humanen" Bereichen entstehen.

Doch auch der Vorschlag einer Roboter-Steuer ist nicht ganz ohne Herausforderungen. Es ist oft nicht eindeutig, was denn genau besteuert werden soll (also die Frage: Was ist eigentlich ein Roboter?).

Im ökonomischen Wettbewerb unter den Staaten kann zudem eine einseitig eingeführte Steuer zumindest kurzfristig zu Wettbewerbsnachteilen führen. Und auch politisch sind Widerstände programmiert, denn eine "Roboter-Steuer" könnte wie eine zusätzliche Steuer für höhere Einkommen wirken (wenn man annimmt, dass hohe Einkommen vor allem mit Robotern erzielt werden).

Insgesamt ist der Vorschlag für eine "Roboter-Steuer" jedoch vergleichsweise einfach in unser bestehendes Steuer- und Sozialmodell zu integrieren und verspricht eine effektive Lösung, um die soziale Akzeptanz künstlicher Intelligenz zu erhöhen und ihren Anwendungen auf breiter Basis zum wirtschaftlichen Erfolg zu verhelfen.

Die Herausforderungen, vor die die Verbreitung von künstlicher Intelligenz uns stellen wird, sind riesig. Aber wenn wir nicht von der Entwicklung überrollt werden wollen, ist jetzt der richtige Zeitpunkt, mit unserer natürlichen Intelligenz wichtige Weichenstellungen vorzunehmen.

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