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Satzung (Foto: Bohbeh/shutterstock.com)

In der zweiten Klasse sitzen die gesetzlich Versicherten nicht!

Interview mit TK-Chef Dr. Jens Baas

Hamburg, 02.02.2018. Wer in Deutschland gesetzlich versichert ist, ist erstklassig versorgt. TK-Chef Dr. Jens Baas spricht im Interview mit der Berliner Zeitung über das deutsche Gesundheitssystem, einen einheitlichen Krankenversicherungsmarkt und die Pläne von SPD und Union.
In den Koalitionsverhandlungen wird auch über Nachbesserungen im Gesundheitssystem diskutiert. Besonders gesetzlich Versicherte klagen etwa über zu lange Wartezeiten, bis beim Facharzt ein Termin frei wird. Doch gibt es in Deutschland wirklich unterschiedliche Standards bei der Behandlung Kranker?

Herr Baas, die SPD will bei den Koalitionsverhandlungen das "Ende der Zwei-Klassen-Medizin" einleiten. Gibt es überhaupt zwei Klassen im Gesundheitswesen?
Die SPD will damit offenbar zum Ausdruck bringen, dass die gesetzlich Versicherten in der zweiten Klasse sitzen. Das ist Unsinn. Klar ist: Wer das Geld dafür hat, der wird sich immer medizinische Leistungen on top kaufen können - egal in welchem System. Hier reden wir aber eher von zusätzlichem Luxus, wie dem Einzelzimmer im Krankenhaus. Wer in Deutschland gesetzlich versichert ist, ist erstklassig versorgt, da braucht man nur einmal ins Ausland zu schauen. Dieses System schlechtzureden, finde ich bedenklich.

Nicht alles ist ja nun rosig in der gesetzlichen Krankenversicherung. Die Patienten klagen darüber, dass sie lange auf einen Arzttermin warten müssen, länger als Privatversicherte.
Hier müssen wir unterscheiden: Bei bestimmten Facharztgruppen ist das zwar in der Tat der Fall, etwa bei Augenärzten und Orthopäden. Bei Hausärzten gibt es diese Unterschiede aber kaum noch. Und wer unbedingt zu einem ganz bestimmten, besonders beliebten Arzt will, wird immer länger warten müssen.
Außerdem: Wenn unsere Versicherten dringend einen Termin brauchen, helfen wir ihnen. Und selbst wenn Sie als gesetzlich Versicherter auf einen Termin bei einem Orthopäden einige Wochen warten müssen, ist das im internationalen Vergleich gut.

Das mag sein, aber die Kassenpatienten vergleichen sich natürlich mit den Privatversicherten.
Aber es bleibt unsinnig, hier eine Neiddebatte zu schüren. Das Grundproblem ist, dass sich die Gutverdiener einfach aus dem Solidarsystem verabschieden können. So kann es nicht bleiben. Deshalb brauchen wir einen einheitlichen Versicherungsmarkt.

Darauf lässt sich die Union aber nicht ein. Deshalb spricht die SPD nun von einer "gerechteren Honorarordnung". Können Sie damit etwas anfangen?
Ich befürchte, dass am Ende einfach mehr Geld an die Ärzte ausgeschüttet wird in der Hoffnung, so die Probleme zu lösen. Käme ein einheitliches Honorarsystem, würde das die Beitragszahler mindestens sechs Milliarden Euro kosten. Der Beitrag müsste um bis zu 0,5 Prozentpunkte angehoben werden. Das ist der völlig falsche Weg. Erst müssen alle in ein einheitliches System, dann kann man die Honorare angleichen. Das ist kostenneutral. Die SPD versucht, den zweiten Schritt vor dem ersten zu machen. Das kann nicht gut gehen.

Aber wie löst man das Problem der Wartezeiten?
Die Terminservicestellen sind jedenfalls ein Flop, sie haben nichts gebracht. Sinnvoll wäre zum Beispiel, die quartalsweise Abrechnung der Ärzte abzuschaffen. Denn durch diese antiquierte Methode gibt es einen starken Anreiz, zum Ende eines Quartals keine Patienten mehr anzunehmen. Denn erst im Folgemonat können wieder neue Pauschalen abgerechnet werden. Diese Änderung könnte die Lage deutlich verbessern. Auch die Verteilung der Honorare muss reformiert werden.

Inwiefern?
Wir brauchen Zuschläge in Gebieten, wo Mediziner fehlen. Parallel dazu muss es Abschläge dort geben, wo sich die Ärzte gegenseitig auf die Füße treten. Auch das hilft, die Wartezeiten zu senken.

Sie haben schon vor einigen Jahren dafür plädiert, die Budgets bei den Kassenärzten aufzuheben und wieder einzelne Leistungen zu honorieren, statt Pauschalen zu zahlen. Sind Sie immer noch dafür?
Wenn man jede Leistung mit einer bestimmten Zeit und einem Betrag unterlegt, dann erübrigen sich Budgets und das System wird transparenter. Wird 50 Mal am Tag eine halbstündige Untersuchung abgerechnet, ist klar, dass da etwas nicht stimmt. Das funktioniert aber leider nur, wenn die Mediziner bei einer einzigen Stelle abrechnen. Bedingung ist also ein einheitlicher Versicherungsmarkt.

Was halten Sie von einer stärkeren Öffnung der gesetzlichen Krankenversicherung für Beamte?
Ich begrüße das, aber es muss richtig gemacht werden. Gäbe es schlicht ein generelles Wahlrecht, bestünde die Gefahr, dass das für die gesetzlich Versicherten teuer werden könnte. Dann wechseln nur Beamte, die viele Kinder haben oder so krank sind, dass sie in der privaten Versicherung hohe Zuschläge bezahlen müssen.

Der Ausweg?
Solange es noch eine Privatversicherung gibt, müssen auch für Beamte die gleichen Regeln wie für alle anderen Arbeitnehmern gelten: Jeder ist gesetzlich versichert, nur die Spitzenverdiener können in die private Versicherung wechseln. Das würde ich aber keinem empfehlen. Denn die lebt nicht mehr lange.

Mit freundlicher Genehmigung der Dumont Verlagsgruppe. Das Gespräch führte Timot Szent-Ivanyi.

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