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TK-Gemeinschaft
Satzung (Foto: Bohbeh/shutterstock.com)

Initiative: Gemeinsam gegen Fett und Zucker

Berlin, 02.05.2018. Mehr als 2.000 Ärzte fordern in einem offenen Brief an die Bundesregierung strengere Maßnahmen gegen Fehlernährung. Die Techniker Krankenkasse (TK) ist als Unterstützer mit dabei. Prominenter Fürsprecher: TV-Arzt Dr. Eckart von Hirschhausen.

Am 2. Mai 2018 wurde auf einer Pressekonferenz in Berlin die Initiative gegen Fehlernährung vorgestellt. Initiatoren der gemeinsamen Aktion sind der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte, die Deutsche Diabetes Gesellschaft und die Verbraucherschutzorganisation foodwatch. Mit auf dem Podium als Unterstützer der Aktion: AOK, TK und Dr. Eckart von Hirschhausen. Dr. Jens Baas, Vorstandsvorsitzender der Techniker Krankenkasse, zum Thema Prävention und Fehlernährung.

Vor gut einem Jahr haben Herr Huizinga und ich hier schon einmal zusammengesessen und die TK-Ernährungsstudie vorgestellt. Die Zusammenarbeit war für uns beide neu, da wir zwar meist in der Sache, aber nicht immer bei der Wahl der Waffen übereinstimmen. Hier und heute sind wir uns in der Sache einig: Ernährungsbedingte Erkrankungen haben inzwischen ein Ausmaß angenommen, dass es nicht mehr reicht, mit vereinzelten Aufklärungskampagnen zur gesunden Ernährung an Endverbraucher zu appellieren. Es braucht eine konzertierte Aktion aller Beteiligten, und deshalb bedanke ich mich bei den Organisatoren der Initiative gegen Fehlernährung und unterstütze diese sehr gern.

Runde Republik Deutschland
Die Kollegen haben auf die steigende Zahl übergewichtiger Menschen hingewiesen. Auch die TK verzeichnet einen Anstieg ernährungsbedingter Erkrankungen. Auch das Arzneimittelvolumen steigt dramatisch. Beispielsweise hat sich das Volumen von Herz-Kreislauf-Medikamenten wie Betablockern bei Männern im erwerbstätigen Alter von 2000 bis 2017 verdoppelt. Diese Medikamente, die größtenteils mit einem gesünderen Lebensstil vermeidbar wären, machen mittlerweile die Hälfte ihres gesamten Arzneimittelvolumens aus. Bei unseren zehn Millionen Versicherten wurde im vergangenen Jahr mehr als 830.000 Mal beim Arzt und 140.000 Mal im Krankenhaus die Diagnose Adipositas gestellt.
"Auch die Techniker Krankenkasse verzeichnet einen Anstieg von ernährungsbedingten Erkrankungen. Medikamente, die größtenteils mit einem gesünderen Lebensstil vermeidbar wären, machen mittlerweile die Hälfte des gesamten Arzneimittelvolumens aus."

Dr. Jens Baas
"Auch die Techniker Krankenkasse verzeichnet einen Anstieg von ernährungsbedingten Erkrankungen. Medikamente, die größtenteils mit einem gesünderen Lebensstil vermeidbar wären, machen mittlerweile die Hälfte des gesamten Arzneimittelvolumens aus."
Vorsitzender des Vorstands der Techniker Krankenkasse


Aufklärung reicht nicht: Drei Viertel wissen, wie gesunde Ernährung geht
Dabei möchten sich die Menschen in Deutschland gesund ernähren. In unserer Ernährungsstudie haben 45 Prozent der Befragten angegeben, dass es ihnen bei ihrer Ernährung vor allem auf gesundes Essen ankommt - noch vor lecker. Was hält sie davon ab? Den meisten fehlen vor allem Zeit und Ruhe, danach folgen Themen wie Durchhaltevermögen, Wille und finanzielle Möglichkeiten. Erst an siebter Stelle nennt ein Viertel der Befragten fehlendes Wissen als Hinderungsgrund. Menschen in Aufklärungskampagnen immer wieder zu erzählen, was gesund ist, bringt uns also allein nicht weiter.

TK-Ernährungsstudie (PDF, 2,0 MB)

Es braucht eine Koalition gegen ernährungsbedingte Zivilisationskrankheiten
Stattdessen brauchen wir ein konzertiertes Engagement aller Beteiligten, um Ernährungsverhalten und -verhältnisse gesünder zu gestalten. Verbraucher, Ärzte, Krankenkassen, Bildungssystem, Politik und Industrie sind hier gleichermaßen gefordert. Deshalb freue ich mich, dass der Kampf gegen ernährungsbedingte Krankheiten explizit im Koalitionsvertrag steht. Nun muss die Politik aber auch liefern. Manchmal erscheint es mir, als würden wir alle das Problem wie eine heiße Kartoffel in die Luft werfen und die Zuständigkeit gern an den anderen abgeben. Deshalb sind vermutlich auch so viele der Meinung, man müsste die Themen Gesundheit und Ernährung an die Schulen geben.

Ernährungsbildung nicht durch die kalte Küche
Sicherlich ist es gut, wenn das Thema gesunde Ernährung in der Schule stattfindet, wenn Kinder wissen, wie Fenchel und Pastinake aussehen und dass Kühe nicht lila sind. Wir wissen aber auch, was Schule heute alles leisten muss. Zudem hat eine Langzeitstudie der TK zusammen mit der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg (HAW) vor einigen Jahren bereits gezeigt, dass die Kinder mit Gesundheitsunterricht zwar mehr wissen, aber der Einfluss ihres persönlichen Umfelds so groß ist, dass sich keine signifikanten Lebensstilveränderungen nachweisen ließen.

Gutes Essen muss Schule machen oder umgekehrt?
In der Prävention sprechen wir von Verhaltens- und Verhältnisprävention. Wir wissen, dass sich Gesundheit am besten vermitteln lässt, wenn wir sie direkt in den Lebenswelten der Menschen, den sogenannten Settings, verankern. Deshalb engagieren wir uns in Kitas, Schulen, Hochschulen, Betrieben und Kommunen. Und gerade am Beispiel Schulverpflegung lässt sich gut zeigen, warum eine gesündere Ernährung nur durch gemeinsame Anstrengungen aller Beteiligten gelingt. Derzeit werden in vielen Schulkantinen Fertiggerichte mit einem viel zu hohen Fett- und Zuckergehalt ausgegeben. Das wirkt sich nicht nur auf das Gewicht, sondern auch auf die Konzentrations- und Leistungsfähigkeit aus. Bisher gibt es aber nur unverbindliche Qualitätsstandards für Schulverpflegung. Schon der vorherige Bundesernährungsminister kündigte einen TÜV für das Schul- und Kita-Catering an, nun ist Frau Klöckner einige Wochen im Amt und wir hoffen, dass die einheitlichen Standards zeitnah kommen.

Akzeptanz für gesundes Essen erhöhen
Aber natürlich ist es nicht damit getan, gesetzliche Standards für die Schul- und Kitakantinen vorzugeben. Wer schon Essen für Kinder gekocht hat, weiß, dass sie sehr anspruchsvolle Kunden sind. Und gesundes Essen kann nichts ausrichten, wenn es nicht schmeckt. Daher sind hier auch die Anbieter gefordert. Und besonders wichtig ist auch die Rolle der Eltern. Kein Elternteil würde sagen, dass Kinderernährung nicht wichtig ist, sie muss ihnen aber auch etwas wert sein. In einer Forsa-Umfrage des Ernährungsministeriums haben sich neun von zehn Eltern einheitliche Qualitätsstandards für die Schulkantinen gewünscht, aber nur 68 Prozent der sind bereit, für ein besseres Mittagessen ihrer Kinder tiefer in die Tasche zu greifen. Und natürlich kommt es auch darauf an, gesunde Ernährung nicht nur in Schulkantinen, sondern auch im Familienalltag zu platzieren.

Verbrauchern ist nicht alles Wurst
Aber Ernährung ist eben mehr als Nahrungsaufnahme. Menschen essen auch aus Frust oder als Belohnung. Essen ist Kultur und bringt Menschen zusammen. Wenn wir mit Kindern auf die Kirmes gehen oder im Stadion die Halbzeitwurst genießen, wollen wir keine Kalorien zählen. Wir sollten uns das bewusst gönnen. Und deshalb ist wichtig, dass Verbraucher - auch die Kleinsten - wissen, was sie essen. Cornflakes und Limonade sind keine wertvollen Frühstückscerealien oder Durstlöscher, sondern Süßigkeiten. Und auch hier gilt: Die Dosis macht das Gift. Deshalb muss jeder genug über Ernährung wissen, um bewusst zu genießen und für sich die richtigen Entscheidungen zu treffen. 20 Möhren und eine Tafel Schokolade haben jeweils 500 Kalorien, sind aber unterschiedlich lecker, gesund oder sättigend. Die Entscheidung, wie Menschen ihren Energiebedarf decken, können und wollen wir ihnen nicht abnehmen.

Keine Mogelpackungen
Aber man kann den Menschen nicht vorwerfen, sie würden sich nicht schlau machen, wenn Lebensmitteldeklaration und -marketing in die Irre führen. Wer den Ehrgeiz hat, die Zutatenliste seiner Lebensmittel im Supermarkt zu lesen, braucht heute Kenntnisse in Biochemie und eine exzellente Sehschärfe. Es verhindert den mündigen Verbraucher. Deshalb ist die Industrie gefordert, ihren Beitrag zu leisten: indem sie Zucker nur dort beimengt, wo es nötig ist, Lebensmittel verständlich kennzeichnet und als das vermarktet, was sie sind. Wir möchten keine gezuckerten Frühstücksflocken, die uns als Fitnessmahlzeit verkauft werden, keine Mogelpackungen und kein perfides Kinder- und Jugendmarketing.


Politik muss liefern, wo Selbstverpflichtung der Industrie nicht funktioniert
Und da es mit der freiwilligen Selbstverpflichtung der Lebensmittelindustrie bisher nicht gut läuft, ist die Politik gefordert, hier die gesetzlichen Rahmenbedingungen zu schaffen. Wenn wir also darüber sprechen, wer sich kümmern muss, kann die Antwort nur lauten: wir alle!

Nur gesetzliche Krankenversicherung engagiert in der Verhältnisprävention
Als Krankenkasse bieten wir ein umfangreiches Präventionsangebot. Neben dem Gesundheitsmanagement in Betrieben hat die TK in den letzten Jahren fast 800 Ernährungsprojekte in Schulen und Kitas mit über zwei Millionen Euro unterstützt. Und natürlich fördern - zumindest die gesetzlichen - Krankenversicherungen viele Initiativen auch kassenübergreifend. Das heißt der Verband von Herrn Litsch und wir engagieren uns hier auch gemeinsam.
Zudem sind wir immer auf der Suche nach neuen Ansätzen. Mit dem Kompetenzzentrum für Ernährung (Kern) testen wir in Bayern in Schul- und Hochschulmensen sogenannte "Smarter Lunchrooms", um herauszufinden, ob wir Menschen mit Nudging zu einer gesünderen Essenswahl motivieren können. In Hamburg starten wir unserem Kooperationspartner Aktivital das Projekt "Sherlock Sugar und Watson auf zuckersüßer Mission", um Grundschulkindern Ernährung spielerisch zu vermitteln. Und wir bieten natürlich auch weiterhin Gesundheitskurse und E-Coaches zur Ernährung an.

Eigenverantwortung ermöglichen
Gefragt ist aber auch Eigenverantwortung. Letztlich können nur mündige Verbraucher mit ihren Entscheidungen für ihre gesunde Ernährung sorgen. Organisationen wie foodwatch leisten hier einen wichtigen Beitrag, in dem sie unermüdlich aufzeigen, wenn etwas schiefläuft, und so als Anwalt der Verbraucher dort aufklären, wo es uns Verbrauchern an Informationen mangelt.

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